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Zu schnell vorbei - mein Jahr in Argentinien

Als ich gerade gezählt habe, seit wie vielen Monaten ich schon wieder zurück in Deutschland bin war ich kurz überrascht, dass es jetzt schon wirklich 9 Monate sind. Und auch wenn mein Auslandsjahr in Argentinien (Neuquén) immer weiter zurück fällt gibt es doch keinen einzigen Tag, an dem ich nicht daran denke. Und es vermisse... Ich hatte wirklich eine wunderbare Zeit und bin so froh darüber! Inzwischen habe ich mich gut wieder eingelebt, aber es hat doch länger gebraucht als ich erwartet hatte. Mit meiner Gastfamilie und meinen besten Freunden bin ich noch sehr viel in Kontakt, zum Glück gibt es ja WhatsApp, Skype etc., weil Briefe brauchen ungefähr 3 Monate bis sie endlich mal ankommen. Den Erfahrungsbericht habe ich 2 Wochen nach meiner Rückkehr geschrieben und er beschreibt darum ganz gut die Sicht einer frisch angekommenen, total verwirrten und geschockten Lea, die noch sehr zwischen zwei Welten schwebte:

 

Nach gut elf Monaten von Argentinien zurück nach Deutschland zurück zu kommen ist schon hart. Man hatte sich so gut an die Kultur, das Land, die Sprache und alles gewöhnt und viele Leute sehr lieb gewonnen und auf einmal ist man einfach weg. Ich weiß, früher oder später werde ich nochmal dort hin gehen, aber es wird nie wieder dasselbe sein. Der Abschied fiel mir unglaublich schwer und auch das Wiedereingewöhnen in Deutschland geht nur langsam voran. Ich bin erst seit zwei Wochen wieder da, aber mir fallen jetzt fast noch deutlicher die Unterschiede zwischen den beiden Ländern auf, als als ich im Ausland war.


Die Menschen sind einfach anders drauf. In Südamerika sind sie viel herzlicher, als ich hier ankam wollte ich alle mit Umarmung und Küsschen begrüßen, aber manche haben mir nur die Hand entgegengestreckt, wie das hier eben so üblich ist. Ich war froh wieder bei meiner Familie zu sein, vermisse aber meine Gastfamilie sehr stark. In Argentinien ist die Familie sehr wichtig. Ich habe dort viel mit ihnen unternommen, habe mich zwar auch öfters mit Freunden getroffen, aber das Familienleben stand im Mittelpunkt. Ich habe das sehr genossen und fand es wirklich schön viel Zeit miteinander zu verbringen, zu reden, zu lachen, zusammen wegzufahren, usw. Auch wenn die Familie in Deutschland auch eine wichtige Rolle spielt, ist es doch nochmal etwas anderes. Wir Kinder sind viel selbstständiger, das liegt aber auch daran, dass meine Geschwister und ich älter sind als meine kleine Gastschwester (8) und es in Deutschland auch sicherer ist. Ich bin sehr froh meine Unabhängigkeit wieder zurück gewonnen zu haben und freier zu sein. Es ist so schön, sich einfach das Fahrrad zu schnappen und loszufahren wohin man will, sich mit einer Freundin treffen zu können ohne schlechtes Gewissen zu haben, weil man schon wieder gefahren werden muss und einfach kommen und gehen kann wann man will. Ich nutze das auch sehr aus und bin in meinen Ferien viel unterwegs. In Argentinien sind die Eltern generell etwas mehr “behütender”, für viele wäre es unvorstellbar ihre Tochter/Sohn ein Jahr lang in eine fremdes Land zu einer fremden Familie zu schicken. Die Kinder ziehen auch oft nach ihrem Abschluss nicht aus, sondern bleiben zum Studieren noch zu Hause.

Frauen und Männer sind gleichberechtigt und das ist in den meisten Fällen auch wirklich so, ab und zu merkt man aber schon noch ein bisschen Machismus. In meiner ersten Gastfamilie hat der Vater und die beiden Brüder z.B. nie beim Abwasch und Tisch abräumen geholfen, das war klare Aufgabe der Frauen.


Meine Freunde wieder zu sehen war natürlich unbeschreiblich schön, aber auf gewisse Art auch komisch. Mir kommen die Sachen über die sie reden auf einmal so oberflächlich vor. Die Standardfrage, die ich schon bald nicht mehr hören kann ist “Und wie war's in Argentinien?” Ja gut, das kann ich in einem Satz einfach nicht beantworten, aber die meisten geben sich mit einem “Wunderschön und unvergesslich” schon zufrieden ohne weiter nachzuhaken. Das kommt natürlich darauf an wer und trifft längst nicht auf alle zu! Es ist mir in Argentinien so leicht gefallen Freunde zu finden und es waren alle so interessiert. Es gab immer jemanden, sogar Fremde, die mich angesprochen haben und so entstanden spontan immer wieder interessante Gespräche. Ich glaube, hier ist es ein bisschen schwerer Freundschaften aufzubauen, aber wenn man einmal richtig gut befreundet ist dann hält das auch lange.


Auch wenn die Deutschen nicht kalt sind, die Südamerikaner sind einfach viel offener und herzlicher. Ich hoffe ich nehme mir ein Stück von dieser entspannten Offenheit mit. Es fällt mir jetzt leichter fremde Menschen anzusprechen. Es wird viel geteilt, das Mate trinken ist eine Tradition die das stark verkörpert. Man trifft sich zu Hause, im Park oder wo auch immer um zusammen ein paar Mates zu trinken und sich dabei ein wenig zu unterhalten. Ich bin jemand, der gerne alles plant, aber seit ich zurück gekommen bin unternehme ich auch mehr Sachen spontan und lebe mehr in den Tag hinein.


Mein Blick auf Deutschland und die Welt hat sich während dem Jahr auf jeden Fall geändert. Es gibt viele Sachen, die ich an meinem Heimatland sehr zu schätzen gelernt habe. Wichtige Dinge sind z.B. die Sicherheit, die Bildung und die schöne saubere Landschaft.

Mir ist nie etwas passiert, aber mir wurde immer eingeschärft nicht zu spät nach Hause zu kommen, nicht mit zu viel Geld unterwegs zu sein, mich nur in sicheren Gegenden aufzuhalten und immer gut auf mich aufzupassen. Diese Vorwarnungen kamen mir manchmal ein bisschen übertrieben vor, waren aber berechtigt, weil man in den Nachrichten und im Bekanntenkreis öfters mal von Raub, Entführung und so weiter hört. Ich genieße es wieder raus gehen zu können wann ich will, alleine unterwegs zu sein ohne Angst zu haben und mir keine Sorgen darüber zu machen, dass sich jemand um mich Sorgen macht.

Die Bildung ist in Deutschland definitiv besser! Manchmal war es entspannt so wenig machen zu müssen, manchmal hat mir aber auch die Disziplin und Anforderung gefehlt. Ich habe in der Schule immer mitgearbeitet, alle Aufgaben gemacht und alle Arbeiten mitgeschrieben und musste mich nicht besonders viel anstrengen, obwohl der Unterricht auf Spanisch war. Es ist viel Unterricht ausgefallen, in einem Trimester haben vier Lehrer gekündigt und wir hatten viele Freistunden.


Die Argentinier haben mehr Nationalstolz als die Deutschen, was aber auch verständlich ist, wegen der deutschen Geschichte. Zu jedem Nationalfeiertag gibt es einen Akt in der Schule, wo die National- und Provinzalflagge eingetragen werden, die Hymnen gesungen werden und an die Geschichte erinnert wird. Das ist ein sehr feierlicher und wichtiger Akt. Ich fand es sehr schön dieses argentinische Zusammenhaltsgefühl mitzuerleben und würde mir ein bisschen mehr davon in Deutschland wünschen, es ist aber ein heikles Thema, weil man vielleicht schnell schräg angeschaut wird, wenn man zu viel Nationalstolz zeigt.

Ich fühle mich jetzt irgendwie unkomplett, als würde ein Teil von mir fehlen. Es ist, als ob mein argentinisches Leben gestorben wäre. Es ist unmöglich den Leuten hier zu erklären wie es dort war, niemand wird es je ganz verstehen, genau so wie dort die Leute nicht genau wussten, wie mein Leben in Deutschland aussieht. Natürlich erzählt man viel, aber manche Sachen muss man einfach erlebt und gesehen haben um es verstehen zu können.


Deutschland wird von den Argentiniern total bewundert, sie sind davon sehr fasziniert und eine Europareise ist ein Traum von vielen. Das Bild was die meisten vor Augen haben ist, dass alles funktioniert, das deutsche Bier, die schöne Landschaft, die Autos, Fußball, die Ordentlichkeit und Zuverlässigkeit und viele große, blauäugige, blonde Menschen.



Ich bin so unbeschreiblich dankbar, das alles gelebt haben zu dürfen! Es war so ein tolles Jahr und ein besonderer Dank gilt an die Karl-Heinz Frenzen Stiftung für das “AFS Engagiert im Sport Stipendium”, außerdem an meine Familie die mich ziehen lassen haben und mich unterstützt haben und meine Gastfamilie, die eine zweite Familie für mich geworden ist.