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Mit dem PPP in den USA - Hendrik

Stipendienbericht von Hendrik Kramer


An den Tag, an dem ich die Zusage für das PPP-Stipendium erhalten habe kann ich mich noch genau erinnern. Es war der 27. Januar 2009, und ich erhielt gleich zwei Briefe. Einer war von der Austauschorganisation AFS, der andere von Kerstin Andreae, der Bundestagsabgeordneten für den Wahlkreis Freiburg. Mit dem Lesen des ersten Satzes war klar, dass sich Frau Andreae für mich als geeigneten Kandidaten entschieden hatte und als meine Patin mir ein Stipendium für einen Schüleraustausch nach Amerika ermöglichte.

Doch nachdem die ersten Tage der Freude vorüber waren, stellte ich mir Fragen. Werden die Menschen mich verstehen? Was wird mich erwarten? Kann ich mich problemlos einer anderen Kultur anpassen?

Natürlich haben diese Zweifel meine Entscheidung nicht verändert und ich habe mich weiterhin auf das kommende Jahr gefreut. Interessant wurde es auf der ersten Vorbereitungswoche in Weimar, da wurde mir neben den inhaltsreichen Programmpunkten auch mitgeteilt, dass ich das Austauschjahr im Bundesstaat Maine verbringen werde. Eine kurze Online-Recherche zeigte, dass mein kommendes Jahr in einem sehr ländlichen Gebiet sein wird.

Als ich bei meiner Gastfamilie in den USA ? den Andersons ? ankam, merkte ich schnell was es bedeutet in Maine zu leben ohne einen Führerschein zu besitzen. Wir lebten an einer Landstraße, an welcher ungefähr alle 300m eine Einfahrt zu einem zurückversetzten Einfamilienhaus abzweigte. Die nächste kleine Ortschaft war 5 km entfernt, somit war es für mich fast unmöglich alleine von Zuhause wegzugehen. Immer bedurfte es einer Mitnahme im Auto eines Familienmitglieds oder eines Freundes. Doch glücklicherweise fuhr jeden Schultag der gelbe Schulbus, der mich von der Hauseinfahrt bis vor den Haupteingang der Schule brachte. Er erleichterte mir das Pendeln zwischen der Messalonskee High School und unserem Haus deutlich, auch wenn die Fahrt 75 Minuten dauerte, da ich 20km von meiner Schule entfernt wohnte.

Das Schulsystem in Amerika unterscheidet sich sehr von dem in Deutschland. Es gibt ein Doppel-stundensystem, und so hat man vier Doppelstunden jeden Tag Unterricht. Montag geht es um 8 Uhr früh los und freitags um 14.30 Uhr beginnt das Wochenende. Ich besuchte die Kurse: Chor, Band, Mathe (Analyse), Informatik, Englisch und Amerikanische Geschichte. Während ich Mathe und Informatik das ganze Jahr hindurch besuchte, wechselten sich die Fächer Band in Chor und Amerikanische Geschichte in Englisch mit dem Anfang des zweiten Schulhalbjahres. Während in Deutschland für die Note Eins eine überdurchschnittliche Leistung erbracht werden muss, genügt es in Amerika jeden Tag seine Hausaufgaben zu machen und im Unterricht aufzupassen. Dadurch erreicht man leicht eine gute Note. Mir fiel es nicht schwer und schon bald war ich einer der Schüler mit den besten Noten. Am Ende des Jahres habe ich Mathe und Informatik sogar als Stufenbester abgeschlossen.

Zusätzlich habe ich während der ?Internationalen Woche? an bunserer Schule einen Vortrag über mein Heimatland vorgetragen, in dem ich über Politik, Geschichte, Gesellschaft und Kultur gesprochen habe. Damit sich der Vortrag nicht zu langweilig gestaltete, habe ich auch Zeilen auf Deutsch vorgelesen und ein paar Euro Banknoten gezeigt.

Beeindruckend fand ich auch das Verwandtschafts-treffen an Thanksgiving, welches Ende November stattfand. Die ganze Großfamilie - bestehend aus ungefähr 15 Personen - war zum Abendessen geladen. Typisch für die Vereinigen Staaten gab es an diesem Abend einen gebackenen Truthahn zu essen. Dieser musste jedoch den gesamten Tag über, von morgens bis zum Abendessen im Backofen schmoren damit er richtig gar wurde. Neben dem Fleisch gab es auch noch unzählige Beilagen. Richtig gut geschmeckt hat mir das ?Thanksgiving Stuffing?. Dabei wird Brot in der Pfanne angebraten und Zwiebeln, anderes Gemüse sowie Gewürze hinzugegeben, bis alles eine breiartige Konsistenz erhält. Auch wenn ich manche Probleme hatte in Restaurants fleischlose Gerichte zu finden, da ich ein Vegetarier bin, konnte ich mich daheim immer auf etwas Fleischfreies freuen.

Mit dem Winter kam, neben den Schneemassen, auch das Weihnachtsfest. Um die Weihnachtsdekoration zu vervollständigen, habe ich meiner Mutter zum Geburtstag einen ?deutschen? selbst gebastelten Adventskranz geschenkt, bei dem die Kerzen nur aus einer Farbe sind, und nicht, wie dort üblich, in Lila und Pink gefärbt sein müssen. Es war etwas ungewohnt an Heilig Abend ohne Geschenke einzuschlafen, ich freute mich jedoch schon auf den nächsten Morgen denn in Amerika werden die Geschenke am 25. Dezember ausgepackt, welche Santa Claus über die Nacht durch den Kamin bringt. Was ich persönlich schade finde, ist, dass das Weihnachtsfest in Amerika sehr auf das Kommerzielle ausgelegt ist. Ich selbst hatte bei ein paar Geschenken den Gedanken, diese nur zu erhalten, da ich etwas bekommen sollte.

Nach Weihnachten ging es mit Robotics ? eine AG der Schule in der ein Roboter gebaut wird, der später gegen andere Schulen antreten muss ? los. Der diesjährige Wettbewerb war sehr auf Fußball bezogen, die ferngesteuerten Roboter mussten Bälle schießen können und Tore erzielen. Nach der sechswöchigen Bauzeit sind wir 300km zu einem der Regionalwettbewerbe in Boston gefahren. Neben einer Menge Spaß in der Stadt haben wir auch den zweiten Platz belegt, und sind deshalb ein paar Wochen später zu der Robotics-Weltmeisterschaft nach Atlanta geflogen. Mit dem Ende dieses Events war jedoch auch für mich die Zeit beim Roboticsteam größtenteils vorrüber, da ich wegen der Teilnahme am Schulsport im Frühling nur noch wenig freie Zeit hatte.

Dieser Sport war Tennis. Niemals zuvor hatte ich einen Tennisschläger in der Hand gehalten, und dennoch habe ich mich getraut dem Team beizutreten. Sehr schnell lernte ich den Ball richtig anzunehmen und über das Netz zurückzuspielen; Das Spielen mit Freunden während des Trainings hat immer Spaß gemacht. Ich habe sogar mein mir selbst gesetztes Ziel erreicht, eines der Spiele gegen eine andere Schule zu gewinnen. Sogar als die kurze Saison vorüber war, haben wir noch ein schulinternes Turnier veranstaltet und uns einige Male getroffen. Durch das Tennis habe ich besonders gute Freunde kennengelernt, mit denen ich auch jetzt noch in gutem Kontakt stehe.

Zum Ende des Schuljahres durfte ich mit den Seniors zum ?Marchingpractise?. Hier wurde das Ein- und Auslaufen für die Abschlusszeremonie geübt. Wie aus Kinofilmen bekannt, mussten wir bei der Übergabe unserer Zeugnisse die quadratischen Hüte mit der Kordel und den passenden Umhang dazu tragen. Schon gleich als die Abschlussfeier beendet war, fuhren wir in ein Camp in der Region um dort die Zeit bis 3 Uhr morgens zu überbrücken. Mitten in der Nacht fuhren wir los nach Massachusetts, um pünktlich mit der Öffnung des Six Flag Parks in Achterbahnen zu steigen. Als wir abends nach Hause kamen war ich ein bisschen traurig, denn die Ferien hatten begonnen und mir war klar, dass ich nun keine Möglichkeit mehr haben werde Freunde vor meinem Abflug zu treffen. Die Tage der verbleibenden Ferien waren allerdings schon verplant. Ich machte einige Tagestouren mit Klassenkameraden und mit anderen Freunden, u. a. badeten wir noch einmal am Atlantik, fuhren an der Küste entlang um dort die schönen Ortschaften zu besichtigen oder fuhren an einem Tag nahezu 500km nur um uns die Natur im Nationalpark Arcadia anzuschauen. Nach einer Abschieds-Barbecque-Party verließ ich Maine und reiste mit einem 5 Tage-Zwischenstop in Washington D.C. wieder nach Deutschland.

In Frankfurt angekommen begrüßten mich gleich meine Eltern, nach einem kleinen Frühstück am Flughafen fuhren wir auch zügig nach Hause. In meinem Zimmer angekommen erschien es mir, als ob ich Deutschland nur für ein paar Tage verlassen hätte, denn scheinbar nichts veränderte sich: Mein Zimmer war gleich, meine Freunde benahmen sich genauso wie vor einem Jahr, der Schulalltag erschien mir unverändert. Plötzlich war ich froh, dass ich ein Jahr ?Abwechslung? erleben durfte, und nicht neun Jahre auf die gleiche Schule mit den gleichen Lehrern und Schülern gehen musste. Schon nach dem Wochenende machte ich mich auf den Weg in die Innenstadt, dort ist mir schnell aufgefallen, dass die Mentalität der Deutschen sehr verschieden von der der Amerikaner ist. Beispielsweise hat ein Mann mich freundlich mit Unterton hingewiesen, dass dies kein Fahrradweg sondern ein Gehweg sei. Dabei benutzte ich den Fußweg nur ein paar Meter um zu einem Abstellplatz zu gelangen. Dies würde in Maine nie geschehen, da die Menschen meiner Ansicht nach ?lockerer? sind, und sich nicht über kleine Regelverstöße beschweren. Es scheint mir, als ob die Menschen auf der anderen Seite des Ozeans lebensfreudiger sind. In Deutschland wird bei einem verpassten termin eher geflucht, in Amerika hieße es dagegen eher ?Was soll?s ...? Doch wie sagt man so schön: Kulturen darf man nicht vergleichen, denn sich sind weder gut noch schlecht, sondern nur verschieden.

Hendrik Kramer